Warum Google & Co. Büroarbeitsplätze in Wohlfühloasen und Spielparadiese verwandeln

von Manuel Hilscher

Wer hat die folgenden Situationen noch nicht erlebt: Man sitzt stundenlang in einem Meeting auf der Suche nach der Lösung für ein aktuelles Problem. Das Team kommt nicht weiter, die Teilnehmer frustriert. Genervt steht man auf, um seinem Biorhythmus mit einem Gang zur Toilette Raum zu geben. Kaum hat man auf der Schüssel Platz genommen, fällt einem ein Lösungsansatz für das gerade Diskutierte ein.

Oder: Angestrengt vom langen Arbeitstag kommt man nach Hause. Die nicht abgeschlossenen Themen aus der Arbeit hat man natürlich mit ins Private gebracht. Gezielt sucht man etwas geistige Entspannung, das Abschalten oder Runterkommen, durch eine Runde Joggen. Während des Joggens entstehen kreative Gedanken, die einem helfen die Arbeitsthemen aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Oder: Man verbringt lange Brainstorming-Sessions mit den Kollegen auf der Suche nach einem attraktiven Veranstaltungstitel. Auch nach Ende des Meetings ist nichts so wirklich Brauchbares dabei. Die Erleuchtung erfährt einem dann auf dem Weg nach Hause – unterwegs per Fahrrad.

Diese Liste an persönlichen Erfahrungen könnte man nun stundenlang so weiterführen. Und doch belegen diese Beispiele genau das, was Forscher schon lange in empirischen Untersuchungen bestätigt haben: Bewegung regt die Kreativität an!

Kreativ sind Mitarbeiter vor allem in Wohlfühlmomenten und durch Bewegung

Beispielhaft zeigt das die IQudo Studie. Hier wurde untersucht, wo und wie Kreativität entsteht. Das Ergebnis – Kreativität entsteht vor allem da, wo Menschen sich wohl und geborgen fühlen: Ob unter der Dusche oder im Bad (13,5%), ob im Bett oder auf dem Sofa (12,1%) oder auf dem WC (9,9%) – kreativ sind die Befragten vor allem in Ruhemomenten daheim. Auch in der Bewegung, beim Joggen (7,1%), Spazieren gehen (6,7%), Sport generell (5%) oder Fahrrad fahren (3,6%) erleben 24,11% der Befragten ihr kreatives Tageshoch.

Dagegen finden nur 6,4% der Interviewten am Arbeitsplatz ihre Ideen. Gründe für Kreativitätsmangel sind natürlich auch weitere. Genannt werden Stress, dicht gefolgt von Ablenkung durch die Kollegen oder den Chef (23,5%).

Viele Unternehmen, die von ihren (Produkt-) Innovationen leben, nehmen solche und ähnliche Studienergebnisse ernst und tun alles, um die Mitarbeiterkreativität zu fördern. Google, das zweitinnovativste Unternehmen der Welt, hat sein europäisches Hauptquartier in Zürich nach dem Wohlfühlprinzip eingerichtet. Mitarbeiter freuen sich über Kicker- und Billardtische, Entspannungsräume mit Massageliegen oder einem eigenen Fitnessstudio. Sogar die Kantine ist über eine Rutsche zu erreichen. Natürlich dient diese Art der Bürogestaltung nicht ausschließlich zur reinen Kreativitätsförderung. Mitarbeiter sollen möglichst lange im Büro verweilen und arbeiten, gerade weil es so angenehm ist.

Sitzen ist das Rauchen unserer Generation

Neben den Wohlfühlmomenten ist Bewegung der zweitwichtigste Faktor für Kreativität. Schöner Nebeneffekt: Bewegung fördert auch die Gesundheit. Und das maßgeblich!

„Sitzen ist das Rauchen unserer Generation!“ titulierte die Harvard Business Review. Vom Rauchen wissen wir, dass es tödlich sein kann. Doch gilt das auch fürs Sitzen? Mittlerweile bestätigen zahlreiche Studien, dass stundenlanges Sitzen auf dem Bürostuhl zu vielerlei gesundheitlicher Probleme führen kann. Rückenbeschwerden, Herzerkrankungen, Gewichtszunahme oder sogar Depression sind einige davon. Weitere Folgen sind Ermüdung, Verspannungen und Konzentrationsmangel. Die Folge können unproduktive und kranke Mitarbeiter sein.

Eine Studie der TK-Krankenkasse zum Thema „Bewegungsverhalten der Menschen in Deutschland“ ergab, dass heutzutage fast jeder zweite Deutsche im Sitzen arbeitet. 42% der Erwerbstätigen bewegen sich dabei täglich weniger als eine halbe Stunde, obwohl sie durchschnittlich 9,6 Stunden im Sitzen verbringen. Diese hilfreiche Infografik vermittelt das Problem sehr anschaulich.

Positive Effekte durch Bewegung

Bei regelmäßigen Bewegungspausen (Pausen vom Sitzen durch Bewegung) wird das Gehirn verstärkt durchblutet und kann mehr Sauerstoff aufnehmen. Dadurch steigert sich die Konzentration und in Folge dessen auch die Produktivität. Langstreckenläufer wissen, dass unser Gehirn bei längerer Bewegung Endorphin und Serotonin ausschüttet. Auch wenn die Bewegungsdauer am Arbeitsplatz deutlich kürzer ist, kann Bewegung zum Wohlbefinden beitragen. Gesunde Mitarbeiter, die nicht auf Grund von Rückenbeschwerden das Krankenbett hüten, sind auch aus finanzieller Sicht interessant für den Arbeitgeber.

Kreativitäts- und gesundheitsfördernde Arbeitsplatzgestaltung

Wie oben darstellt, können sowohl Angestellte wie auch Arbeitgeber zur Kreativitäts- und Gesundheitsförderung beitragen. Im Folgenden haben wir ein paar hilfreiche Ideen zusammengestellt, die sich gut in den Arbeitsalltag integrieren lassen.

1. Regelmäßig Bewegungspausen einlegen

Wenn man einen Impuls zur Bewegung verspürt, sollte man diesem Nachgeben. Lasse die Arbeit kurz liegen, steh auf und gehe eine Runde ums Bürogebäude oder laufe im Büro auf und ab. Die häufige Bewegung tut deiner Konzentration gut.

2. Den Körper fithalten durch Faszientraining

Faszien durchziehen als Bindegewebe unseren gesamten Körper. Faszien erfüllen vielerlei Funktionen. Sie schützen unsere Organe, sorgen für Struktur, Stabilität und Gleichgewicht. Durch Bewegungsmangel verkleben und degenerieren die Faszien, was wiederum zu Schmerzen und Beschwerden führen kann. Tolle Übungen und weitere Informationen findest du hier.
Motiviere auch deine Kollegen die Übungen gemeinsam zu machen. Mit einem Partner der mitmacht, fällt es einem gleich viel leichter das Vorgenommen Bewegungsprogramm durchzuziehen und den inneren Schweinhund zu besiegen. Direkt in der Mittagspause kann so ein kleines Workout Wunder bewirken und dem Nachmittagstief vorbeugen.

3. Im Stehen oder Gehen telefonieren

Wer häufig an der Arbeit telefoniert, sollte Telefonate als Einladung zur Bewegung verstehen. Verlasse das Bürozimmer oder gehe im Gang auf und ab. Vielleicht kannst Du auch einen kleinen Spaziergang machen, falls Du gerade keine Notizen griffbereit haben musst.

4. Meetings im Stehen oder Gehen abhalten

Bewegung fördert die Kreativität. Gerade bei der Entwicklung von innovativen Ideen kann das helfen. Beim nächsten Meeting einfach mal die Kollegen zu einem Spaziergang auffordern. Apple Vater Steve Jobs war ein Fan von sogenannten TWALKS, Meetings im Gehen. Gerade in kleinen Unternehmen lässt sich so eine Meetingform leichter umsetzen. Solch ein Ritual schweißt auch euer Team zusammen und stärkt die Identität eures Unternehmens.


5. Treppe statt Aufzug

Treppensteigen ist ein gutes Workout für Zwischendurch. Verzichte geradezu Arbeitsbeginn auf die Fahrt mit dem Aufzug und starte so frischer in den Arbeitstag.

6. Mit dem Rad zur Arbeit

Egal ob dem Rad oder Pedelec – eine Studie der University Stanford zeigte, dass Fahrradfahrer bei der Arbeit viel weniger gestresst sind, als wenn sie mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit fahren. Toller Nebeneffekt: du tust nicht nur was für deinen Geist, sondern auch für deinen Körper und die Umwelt. Selbst mit einem Pedelec (CO2-Ausstoß: 7 g CO2 pro Personenkilometer) bist du noch super ökologisch unterwegs im Vergleich zum Auto (140 g CO2) oder dem ÖPNV (ca. 40 g CO2). Du hast kein Fahrrad oder keine Duschmöglichkeit am Arbeitsplatz? Frag deinen Chef, ob er bereit dazu ist, dir kostenneutral zu einem Dienstrad zu verhelfen. Wie das genau funktioniert, erfährst du zum Beispiel auf www.jobrad.de.

7. Activity Based Working (ABW)

Immer mehr Unternehmen setzen mittlerweile auf Activity Based Working. Das Konzept basiert darauf Wahlfreiheiten zu etablieren hinsichtlich wie, wann und wo man arbeitet. Im Ergebnis genießen Mitarbeiter dadurch Ihre Arbeit mehr, was sich wiederum auf ihr Engagement, Verantwortungsgefühl und Produktivität auswirken kann. Das Konzept erkennt dabei an, dass Menschen unterschiedliche Aufgaben zu erledigen haben und es für jede Art von Tätigkeit die passende Arbeitsumgebung gibt.

So stellen beispielsweise Unternehmen, die diese zeitgemäße Unternehmenskultur leben, Rückzugs- und Entspannungsräume zur Verfügung sowie Individual- und Gruppenarbeitsmöglichkeiten. Der Wechsel in einen anderen Raum kann somit schon mal zum gesuchten Geistesblitz führen. Die Arbeitsräume zeichnen sich durch ein hohes Maß an Flexibilität und Funktionalität aus. Überall verfügbare Wandflächen oder Whiteboards tragen dazu bei, dass kreative Ideen nicht verloren gehen.

Wie das Büros vorbildlich umsetzen ist hier nachzulesen.

Über den Autor:
Manuel Hilscher konzipiert Nachhaltigkeitsevents mit Erlebnischarakter. Ansprechende Kommunikation mit Ausstrahlung gehört zu seinem Tagesgeschäft. Sein inhaltlicher Schwerpunkt liegt bei nachhaltigem und bewusstem Konsum von Lebensmitteln.
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Manuel Hilscher

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